ShowcaseImage

Der Landgraf ließ dem Grafen die Wiese abmähen
Wie vor 250 Jahren in Thaleischweiler-Fröschen ein herrschaftlicher Interessenkonflikt ausgetragen wurde

Heimatkalender für das Pirmasenser und Zweibrücker Land - 1993 -Von Alfred Hans Kuby


Am 2. Januar 1992 las ich im Landesarchiv Speyer einen Brief des Amtmanns Philipp Jacob Lersd, datiert Pirmasens, den 2. Januar 1742. Aus dem Zusammenhang war jedoch ersichtlich, daß die Jahreszahl aus alter Gewohnheit und versehentlich geschrieben wurde und der Brief tatsächlich vom 2. Janaur 1743 stammt. Und 1743 hatte der lange Konflikt, von dem hier in Kürze berichtet werden soll, seinen Höhepunkt erreicht. Begonnen hatte er mit dem Jahr 1741, als der bisherige Müller zu Höheinöd, Hans Peter Mattil, seine dortige Mühle verkauft und die Mühle in (Thal-)Eischweiler übernommen hatte.
Mitte April 1742 erreichte ihn der nachstehende Brief:
"An den Ehrsamen und bescheidenen Peter Mattil, Müller zu Eischweiler.
Ehrsamer, lieber und werter Freund Hanß Peter Mattill, Auß dessen beykommendem Befehl werdet ihr dasjenige ersehen, was von gnädigster Herrschaft von euch begehret wird. Es ist mir hertzlich leid, euch in solchen Sachen anzugreifen und gehet mir recht in mein Hertz, daß eine so große Summe Geld von euch begehret wird. Was die Schatzung Eurer Kornsaat anbelanget, welches mir und dem Gerichtsmann Hans Adam Veick anbefohlen, so könnt ihr einen Tag benennen und den Feick (!) ein solches wissen zu lassen, auch den Ort, wo man zusammen kommt, benennen, damit man sich zu richten wisse; ich erwarte die Nachricht, ob ihr zu mir oder ich zu euch kommen "soll. Übrigens laße euch und eure Frau hertzlich grüßen und verbleibe indessen wie alle Zeit
Euer dienstwilliger Freund Jacob Kettering.
Herschberg, den 11. April 1742."
Der Briefschreiber war leiningischer Schultheiß zu Herschberg. Da er Mattil als Freund anredet, ist anzunehmen, daß zwischen beiden verwandtschaftliche Beziehungen bestanden; wir wissen aber nicht welche. Kurios ist, daß beide Familien ihren Namen von Müttern ableiten: der Name Matile geht nachgewiesenermaßen auf eine Mathilde zurück, die im 15. Jahrhundert als Witwe mit mehreren Söhnen nach La Sagne in der schweizerischen Grafschaft Valangin zugezogen ist, und entsprechend dürfte der Name Kettering auf eine Katharina zurückzuführen sein. Schultheiß Kettering hatte dem Freund Mattil einen herrschaftlichen Befehl mitzuteilen, der ihm so hart schien, daß es ihm zu Herzen ging. Wir werden darauf gleich zurückkommen. Außerdem hatte die Herrschaft ihn und den leiningischen Gerichtsmann zu Höheinöd, Hans Adam Veick oder Feick, beauftragt, Mattils Kornsaat (zwecks Versteuerung) abzuschätzen. Sie wollen dabei Mattil möglichst entgegenkommen, denn der andere Befehl war schon schwer genug. Worum handelte es sich?
Das gräflich leiningische Amt Falkenburg (bei Wilgartswiesen), vertreten durch den Amtmann Johann Ludwig Wild, forderte von Mattil, weil er mit seinem Umzug von Höheinöd nach Eischweiler von der leiningischen zur hanauischen Untertänigkeit gewechselt hatte, ein Abzugsgeld in Höhe von zehn Prozent seines Besitzes, nämlich 149 Gulden 3 Batzen und anderthalb Pfennige, dazu nochmals 100 Gulden für den Ablauf der Leibeigenschaft des Müllers selbst, seiner Frau, seiner beiden Söhne und seiner Tochter und als "Laudemium" (= Lehngeld) für die verkaufte Mühle nochmals 10 Gulden, und das alles zahlbar binnen-14 Tagen!
Mattil war sich zwar klar, daß er etwas zu zahlen haben werde, aber diese Forderung überstieg doch alle Erwartungen und auch Möglichkeiten, und so wandte er sich an die hanauische bzw. hessen-darmstädtische Regierung in Buchsweiler und Pirmasens und bat um Vertretung seiner Interessen. Auch Regierungsrat von Passem war der Ansicht, daß die leiningischen Forderungen wenigstens um die Hälfte zu hoch seien, und ließ in diesem Sinne nach Falkenburg schreiben. Der Briefwechsel zog sich das Jahr über hin, bis der Müller an Weihnachten 1742 wieder einen Brief aus Herschberg von Jacob Kettering erhielt:
"Viel. geliebter Freund Hanß Peter Mattill, Hierdurch wird euch hiemit bedeutet, morgen den 2. Christfeyertag ohnfehlbar bey mir zu erscheinen und dasjenige anzuhören, was man euch von Herrschafts wegen vorzuhalten. Welches der Verlaß ..... (= worauf ich mich verlasse).
Jetzt gab es also keine schriftliche Beilage, sondern der Schultheiß mußte Mattil vorladen und ihm offenbar ein Ultimatum stellen. Und dies gab dann den Anlaß zu dem eingangs erwähnten Brief des Herrn Lerse vom 2. Januar 1743 an den Amtmann Wild zugunsten Mattils. Die Leiningischen wollten sich nicht erweichen lassen und drohten Mattil mit Zwangsversteigerung seiner in Höheinöd gelegenen Wiesen. Davon handelt der dritte Brief des Herschberger Schultheißen, datiert den 11. April 1743:
"An den Ehrsamen Hanß Peter Mattill zu Eischweiler
Gott zum Gruß Viel geliebter Peter Mattill,
hierdurch habe Euch wissent machen wollen, daß ich an den Herrn Ambtmann euretwegen geschrieben in Hoffnung, die Versteigerung vorbey zu gehen: ich habe euch 14 Tag Lößung ausgestellt, so werdet ihr selbsten wissen, wie euch es am düglichsten (= tauglichsten?) geschehen kann. Verbleibe euer dienstwilliger Diener Jacob Kettering."
Der Schultheiß hatte also beimAmtmann nochmals eine Frist von 14 Tagen ausbedungen, in der Mattil die Angelegenheit regeln sollte. Der aber dachte nicht daran, und so kam es Anfang März zur Versteigerung seiner Wiesen. Viele Bieter fanden sich nicht: ein armer Mann von der Mausmühle als Strohmann für Nicolaus Weber, der Dorfbote von Herschberg und Diebold Fischer zu Eischweiler, der sogar mit einer Cousine Mattils verheiratet war. Steigerer waren schließlich: der hiesige Einwohner (seit 1738) Johannes Köstner, der Wasenmeister und zwei leiningische Untertanen namens Andres Daubenhauer und Gabriel Bockmeyer. Landgraf Ludwig in Pirmasens fand, das gehe zu weit, und erklärte sich willens, dem Mattil notfalls mit der Grenadier-Compagnie zu Hilfe zu kommen. Dies ließ man durch ein neuerliches Schreiben Lerses den Amtmann Wild wissen. Der schrieb unter dem 4. Juni 1743 zurück: "Wenn ein Unglück oder Verderben der Untertanen emengiren sollte, so wasche (ich) meine Hände darüber" — in Unschuld, wollte er sagen.
Durchlaucht Erbprinz Ludwig ließ sich davon nicht beeindrucken, sondern erließ am 15. Juni 1743 genaue Anweisungen, wie dem Mattil für "Schadloshaltung", d. h. Wiedergutmachung des erlittenen Unrechts zu sorgen sei. Am 24. Juni war es dann soweit. Man hatte beschlossen, als Ersatz für die versteigerten Wiesen die im Privatbesitz des Grafen von Leiningen in Heidesheim befindlichen Jungfernwiesen in Eischweiler abmähen und das Heu Mattil zukommen zu lassen. Es sollte dann in eine Scheuer nach Neufröschen (= Höhfröschen) gebracht werden, die dem zu Altfröschen (= Thalfröschen) wohnenden Herrn Johann Henrich Hammerer gehörte.
Nachts um ein Uhr traf sich Amtmann Lerse mit dem Amtsschreiberei-Scribenten Molther, dem Jäger Gebhard von Fröschen, dem dortigen Schultheiß Matthis Gampfer, dem erwähnten Herrn Hammerer und dem Hauptmann Grandfil von der Grenadier-Compagnie mit zwölf Mann aus dem Stab Vinningen unter einem Sergeanten. Um vier Uhr früh waren dann die Vertreter der hanauischen Obrigkeit, das Soldaten-Detachement und die bestellten Taglöhner (Fröhner) in Eischweiler. Letztere begannen mit dem Mähen der Jungfernwiesen, womit sie um acht Uhr fertig waren. Um neun Uhr traf ein weiteres Kommando von Grenadieren unter dem Capitaine-Lieutenant Kourtz ein. Die sollten nun das Heu bewachen, bis es eingebracht werden konnte. Als es aber dann nachmittags drauf regnete, zog sich die Sache zu lange hin: man brachte das gemähte Gras auf eindeutig hanauisches Territorium, damit es dort vollends trocknen könne. Inzwischen hatten 15 leiningische Untertanen auf Weisung von Schultheiß Kettering — darunter dessen eigener Sohn und Schwiegersohn - Mattils Leute beim Abmähen einer anderen Wiese gehindert und ihnen drei Sensen abgenommen. Sonst aber kam es zu keiner Gewalttat. Das Problem war aber noch nicht gelöst: im Juni 1744 gab es wieder Streit ums Heu, und unter dem 3. Juli 1744 genehmigte die Regierung in Buchsweiler notfalls eine Wiederholung der vorigjährigen Aktion.
Aber nun lenkten beide Seiten ein. Hans Peter Mattil hatte seinen in Höheinöd wohnenden ältesten Sohn mit dem Steigschilling für eine kurz zuvor gemähte Wiese nach Heidesheim geschickt und ihn dort erklären lassen, nicht der Vater, sondern die Kinder genössen diese Wiesen. Der Graf erklärte dem jungen Mattil, so einen Streich wie voriges Jahr sein Vater habe ihm noch keiner gespielt!
Doch nun näherte man sich einander an, so daß dieAkten nichts weiter zu berichten haben. Hans Peter Mattil starb am 10. Mai 1747 im 60. Lebensjahr, seine Ehefrau Anna Ottilia überlebte ihn nur um knapp drei Jahre. Doch durch beider Söhne Johann Peter und Johann Jacob hat sich die Familie weit verbreitet und blüht bis heute in etlichen Zweigen.

Quelle:
Landesarchiv Speyer C 20/262

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen