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Im Nebel der Vergangenheit
Heimatkalender für das Pirmasenser und Zweibrücker Land 1977 - Von Bruno Sposny


Hinter sich den sichernden Bergrücken -und zu Füßen straßendurchzogene Täler, das Tal des Schwarzbachs nach Osten und Westen und das der einmündenden Rodalb von Süden her, stand hier vor Jahrhunderten die Burg, deren Ruinen man heute noch Steinenschloß nennt. Nur noch mächtige Grundmauern haben die eifrigen Bauherrn der Umgegend stehen lassen, als sie anfingen, mit den Steinen der tälerüberblickenden Burg neue Häuser zu errichten.
Als Erbauer nimmt man Emich I. von Leiningen an, den Kreuzfahrer, der mit dem Befehl „Gott will es" und dem schützenden Kreuzzeichen auf dem Gewande aufbrach, um mit den Streitern des Abendlandes das Heilige Land zu retten.
Wenn es schon über den Erbauer wenig zu wissen gibt, so weiß man noch weniger über das damalige Gesicht der Burg, über das Leben und Treiben in ihr und die Umstände ihrer Zerstörung. Sicher aber ist, daß sie klug und geschickt angelegt war, denn von ihr aus konnte man die Wege dreier Täler weithin überschauen, sie schützen und überwachen.
Wie oft schon führte mich der Weg zu dieser Stätte der Vergangenheit, der ein romantischer Hauch anhaftet. Immer wieder muß ich hinaufsteigen auf die Reste des Turms, um von seinem meterdicken Gemäuer hinabzusehen in das Gewirr der abgestürzten Quadersteine, die unter mächtiger Schwere Geheimnisse zu hüten scheinen.
Einmal entdeckte ich in der seitlichen Wunde des Turmes einen kleinen Ring von winziger Schönheit, eine gelbgläserne, zerbrechliche Kostbarkeit, die den Untergang überlebt hat.
Einmal kam ich daher und vernahm aus dem Gebüsch das Knirschen eines Spatens. Zwei Männer durchsuchten bedächtig den Schutt, Schaufel um Schaufel. Von jugendlicher Neugierde gepackt, ließ ich mich einladen und scharrte eifrig mit nach den Geheimnissen, die wir in der Erde vermuteten. Welche Freude erfaßte uns, wenn einer eine Scherbe fand und der graue, erdfeuchte Schatz von Hand zu Hand ging. Immer wieder brachten wir kleine Spuren vergangenen Lebens ans Licht, aber das große Rätsel um vergangene Geschlechter erschloß sich nicht.
Wie zauberhaft ist es hier um die sommerliche Mittagszeit, wenn die Erde singt und die sonnenbeschienenen Felsplatten und Mauervorsprünge zum Sitzen einladen, wenn man in sirinender Einsamkeit verweilt, in der Hoffnung, daß zu dieser Stunde der Berg sich öffne, um das Geheimnis von sich zu geben.
Wie schwer aber und unheimlich sind die Nebeltage hier, wenn es düster vom Tal aufsteigt und den Trümmerberg in lautlose Stille einhüllt.
An einem solchen Tag wanderte ich hinauf, um auf dem Turm zu stehen und der Geheimnisse zu lauschen. Da ist es mir, als spräche jemand irgendwo im dämmernden Nebel und über dem Tal öffneten sich die Schleier. Ich hebe die Hand über die Augen und erspähe im Dunst der Ferne mächtige Heere, die die weite Ebene durchziehen und sich immer schneller nähern. Da kommen sie den Hügel herauf und ziehen an mir vorbei, voran eine gespenstische Gestalt auf schwarzem Pferd, das Kreuzzeichen auf dem Mantel, die Lanze gesenkt, ihr nach müde Gestalten in grauen Kleidern, dazwischen Kinder in fahlen Gewändern und Weiber mit flatternden Haaren und tiefliegenden Augen, da reitet eine geschmückte Jungfrau auf stolzem Pferd, dort folgen große Wagen mit Waffen und Gerät.
Ich reiße mich los von dem Traum und bin im Nebel allein. Nirgend mehr zeigt sich ein Gesicht und der Traum ist begraben unter gefallenem Gemäuer, in den Geheimnissen kostbarer Gräber, im Nebel der Vergangenheit.

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