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Vor 100 Jahren: Pfarrer Heinz Wilhelmy in Pirmasens geboren
Heimatkalender für das Pirmasenser und Zweibrücker Land 2007 - Von Bernhard H. Bonkhoff


Am 2. März sind es 100 Jahre her, dass der konsequenteste und aufrechteste Bekenntnispfarrer der protestantischen Pfalz im Dritten Reich als Sohn von Pirmasenser Geschäftsleuten in der Horebstadt das Licht der Welt erblickte. Er gehörte vor und nach dem Krieg zu den unbequemen Pfarrern seiner Kirchenleitung, was bis in das Gezänk um die Benennung des Hauses der gesamtkirchlichen Dienste als „Heinz-Wilhelmy-Haus" in Kaiserslautern Nachwirkungen hatte.
Über seine Vorfahren äußerte er in einem Gerichtsverfahren in der NS-Zeit: „Meine Vorfahren haben in der preußischen Armee gedient und ich habe es mit der Muttermilch eingesogen, deutsch zu sein und das ganze Reich zu sehen. Ich habe einmal im Leben wirklich im Affront zu einer Obrigkeit gestanden. Das war die separatistische Regierung der autonomen Pfalz, der ich in Pirmasens eine Ende bereiten half, so wie ich es damals als junger 17-jähriger Mensch konnte, leider nicht mit der Waffe in der Hand, weil ich keine Waffe hatte, sondern am Glockenstrang ziehend und damit die Stadt zum Widerstand aufrufend, ohne dass ich dazu besonders befohlen worden wäre."
Ab Mai 1933 war Wilhelmy Pfarrer in Thaleischweiler. Dort gilt er noch heute im Rückblick als strenger Pfarrer. Von seiner theologischen Schulung bei Karl Barth her erstrebte er eine Erneuerung von Kirche und Gemeinde durch die Verkündigung des Wortes Gottes, das ohne Wenn und Aber gilt und dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben, wie es 1934 in der Barmer Erklärung hieß. Wie viele junge Pfarrer seiner Zeit ließ sich Heinz Wilhelmy nicht in die vorhandenen Kirchenparteien einordnen. „Liberal" (Pfälzischer Protestantenverein) oder „Orthodox" (Positive Vereinigung) waren hier keine Alternativen mehr; man erstrebte vielmehr etwas Neues. Diejenigen, die dieses Neue nicht im Nationalsozialismus und seinen kirchlichen Helfershelfern, den Deutschen Christen (DC) erblickten, schlossen sich in der Pfälzischen Pfarrerbruderschaft zusammen. Dazu gehörte auch Heinz Wilhelmy, den die Anfeindungen der Hitlerbewegung sehr rasch zur Pfarrbruderschaft und zur Bekennenden Kirche trieb. Wie viele Pfarrer wurde auch Wilhelmy überwacht, Predigtäußerungen wurden kolportiert und er hatte Verhöre, Untersuchungen und schließlich die Amtsenthebung mit Sperrung des Gehaltes erleben müssen.
Hier müssen einige Ausführungen zu den Grundlinien pfälzischer Kirchenleitung während der NS-Zeit gemacht werden: Der 1934 zum Kirchenpräsidenten gewählte und bald darauf gemäß des auch in der Kirche übernommenen „Führerprinzips" als „Landesbischof' titulierte Leiter war der Alt-Nationalsozialist, Gauredner der NSDAP und Träger des Goldenen Parteiabzeichens Ludwig Diehl (1894-1982), von 1924 bis 1964 Dorfpfarrer im westpfälzischen•Mackenbach. Mit ihm war der erste Theologe an die Spitze der Landeskirche getreten. Bisher war der Kirchenpräsident stets Jurist gewesen, denn die beiden Kirchenparteien hätten keinen Präsidenten der gegnerischen Richtung ertragen können. Aber ihre Vertreter saßen weiterhin im Landeskirchenrat: für die Positiven der ebenfalls der DC beigetretene Hans Stichler, die „Graue Eminenz" eines hochkarätig gebildeten und juristisch erfahrenen Theologen, der nach Kriegsende kurzfristig Diehls Nachfolger werden sollte, für die Liberalen der greise Eugen Mayer, selbst ein glühender Nationalsozialist, dessen Sohn Der. Kurt Mayer Direktor des Reichssippenamtes in Berlin war. In seiner 1939 erschienenen Pfälzischen Kirchengeschichte spricht Mayer etwa von „jüdischen Treibern" als Initiatoren des Hambacher Festes oder erblickt in der Abschaffung des Alten Testaments durch die Unionssynode von 1818 eine „merkwürdige Vorwegnahme moderner Gedanken" (der DC!). Auch sein Nachfolger Eugen Roland war ein führender Kopf im Protestantenverein und überzeugter Deutscher Christ. Dieser NSlastige Landeskirchenrat und vor allem der Landesbischof gingen davon aus, dass ein guter Pfälzer Protestant Nationalsozialist sein müsse und es eigentlich zwischen Kirche und Partei keine Probleme gebe, denn man hatte ja einen gemeinsamen Feind, den Katholizismus. So wurde in der Pfalz die NSDAP, die typische protestantische Milieupartei. Diejenigen, die diesen harmonischen Reigen nicht mitmachten, wie etwa Heinz Wilhelmy, traf die Ausgrenzung in doppelter Weise. Die Partei verfolgte ihn als national unzuverlässig, die eigene Kirche schloss ihn als Störenfried ihres Schmusekurses mit dem Staat aus dem Pfarrdienst aus, anstatt ihres Gelübdes zu gedenken, für ihren berufenen Diener zu sorgen.
In der Sudetenkrise 1938 hatte Wilhelmy Gebetsgottesdienste nach Vorlagen der Bekennenden Kirche gehalten, in denen unter anderem namentlich über die abgesetzten und in Konzentrationslagern befindlichen Pfarrer gebetet wurde. Daraufhin wurde er vom Landeskirchenrat mit einem Dienstgerichtsverfahren überzogen, an dessen Ende die Amtsenthebung stand, samt Sperrung der gesamten Bezüge. Aber Wilhelmy und seine Familie erfuhren eine ungeheure Solidarität aus der eigenen Gemeinde und der Bekennenden Kirche des ganzen Reiches. Seine Gegner ruhten allerdings nicht. Der Jurist im Landeskirchenrat, Oberkirchenrat Werner Hahn, betrieb seine endgültige Entfernung aus dem Dienst, bis Wilhelmy 1939 zum Heer einrückte. Hier war er vor dem Zugriff der Geheimen Staatspolizei sicher. Während des Krieges erlebte Wilhelmy neben den üblichen Kriegsgräueln die Vernichtung der Juden im Osten, die er in seinem 1996 im Druck erschienenen Tagebuch „Aus meinem Leben" festgehalten hat. Dort heißt es „Als ich Ende Mai 1945 aus dem Krieg zurückkam, nahm ich nach einer Schnaufpause von drei Wochen meinen Dienst in Thaleischweiler wieder auf. Der Landeskirchenrat hüllte sich wegen des eingeleiteten Dienst-Disziplinarverfahrens gegen mich in blamables Schweigen. Ich habe nie eine abschließende Stellungnahme von ihm gehört." Sein Widersacher Hahn wurde, nachdem er 1941 Beamter der Kommunalverwaltung geworden war, 1948 wieder als juristischer Oberkirchenrat eingestellt und war bis zu seinem Tod 1961 im Dienst.
Wilhelmy begann 1946, für die neu entstehende kirchliche Männerarbeit tätig zu werden, zunächst nebenamtlich, ab 1953 im Hauptamt. Kaiserslautern wurde sein Dienstsitz, die Ebernburg sein hauptamtlicher Tagungsort. In Ebernburg ließ er sich auch mit seiner Familie nieder und verstarb dort am 16. Mai 1980. Daneben engagierte er sich gleich nach Kriegsende in der Kirchlich-Theologischen Arbeitsgemeinschaft (KTA) und begleitete kritisch den Weg seiner Kirche als Mitglied der Kirchenregierung und der Landessynode. Als er 1969 in den Ruhestand trat, musste er erkennen, dass an vielen Ecken und Enden zwar nicht das erreicht worden war, wofür der sich eingesetzt hatte, dass aber doch zahlreiche Samenkörner aufgegangen waren und Früchte trugen.

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