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Die Entwicklung der Aussiedlerhöfe im Kreis Pirmasens
Heimatkalender für das Pirmasenser und Zweibrücker Land 1981 - Von Richard Schäfer


Einzeln oder in Gruppen sind sie für den Besucher plötzlich mitten in der Landschaft erkennbar, aber auch nahe bei den geschlossenen Siedlungen oder am Ortsrand: neue Bauernhöfe, bunte Flecken in der Landschaft. Sie sind alle nach dem zweiten Weltkrieg entstanden. Einzelhöfe und Weiler gab es schon vorher. Siedlungen, die in früherer Zeit zum Teil unter direkter Lenkung vorausschauender, ökonomisch denkender Grundherren gegründet wurden. Ihre Existenz ist aus dem Bewußtsein der Bevölkerung nicht wegzudenken. Viele von ihnen haben eine bewegte, für die engere Region markante Geschichte aufzuweisen. Jahrhundertealter Familienbesitz oder ständiger Wechsel der Bewohner, das Auf und Ab zwischen wirtschaftlicher Blüte und wirtschaftlichem, sozialem Niedergang spiegeln sich darin wieder, verbrämt mit viel Romantik, die sich bei rückschauender Betrachtung immer leicht einschleicht. Diese Merkmale haben unsere Aus- oder Neusiedlungen beileibe nicht aufzuweisen, sie sind Neuschöpfungen unserer Zeit.
Die Aussiedlungen sind das Ergebnis der nach dem Krieg neu angesetzten, agrarpolitischen Zielsetzungen, die letztlich zum Landwirtschaftsgesetz vom 5. September 1955 und zu dem alljährlich zu erstellenden »Grünen Plan« geführt haben. Darin spielt die Agrarstruktur eine schwerwiegende Rolle, die man aber nicht getrennt, sondern im Zusammenspiel mit anderen, begleitenden Hilfsmaßnahmen sehen muß. Man stand damals, wie übrigens auch heute noch, vor der Frage, auf welche Weise und mit welchen Mitteln die Landwirtschaft in ihrer Einkommensentwicklung an den allgemeinen Fortschritt in den übrigen Wirtschaftszweigen herangeführt werden könnte.
In die unmittelbare Nachkriegszeit fallen bekanntlich die allenthalben erhobenen Bestrebungen nach Bodenreformen verschiedener Art. In den sowjetisch besetzten Gebieten wurden die Großbetriebe entschädigungslos enteignet und an Landwirte verteilt. Die Kleinheit der damit im Übereifer (vor ideologischem Hintergrund) geschaffenen Einheiten bot jedoch, unter den dort herrschenden Verhältnissen keine ausreichende Basis für eine positive Weiterentwicklung, sie lieferte aber der kommunistischen Ideologie den greifbaren Vorwand eines Beweises für die Unfähigkeit einer privatwirtschaftlichen Agrarverfassung. Es folgte die zwangsweise Kollektivierung, die zur heutigen Agrarverfassung in der DDR geführt hat.
Zum Verständnis der im Gebiet der Bundesrepublik beschrittenen Wege bedarf es einiger Erläuterungen zu den Mängeln der Agrarstruktur. Diese wird im wesentlichen erkennbar durch Angaben über die Betriebsgrößenverteilung, die Flurlage, d. h. Zahl und Größe der Flurstücke je Betrieb, arrondiert oder in Streulagen, die Hoflage in beengten Dörfern, im offenen Weiler oder als Einzelhof, letzten Endes auch über die Bodennutzung, hier deren Intensität und Nutzungsrichtung. Wer Landwirtschaft betreibt, weiß, daß diese Bereiche auch zu den grundlegenden Faktoren des landwirtschaftlichen Betriebes zu rechnen sind. Sie stehen gleichrangig nebeneinander. Die optimale agrarische Struktur wird am besten deutlich, wenn man ausdrückt, wann sie »krank« ist. Krank ist sie, wenn die Menschen, die im Hauptberuf Land bewirtschaften, die materiellen und ideellen Grundlagen für den Lebensunterhalt nicht erarbeiten können. Das Landvolk soll seelische und geistige Befriedigung in seiner Arbeitswelt fmden können. Das Festhalten an der Daseinsform und am Beruf soll erstrebenswert bleiben. Das gehört mit zur volkswirtschaftlichen Aufgabe der Landwirtschaft, nämlich den Boden bestmöglich zur Sicherung der Ernährung zu nutzen. In unserer Heimat war die vorhandene Agrarstruktur infolge der herrschenden Erbsitten (Freiteilbarkeit) denkbar ungünstig. In der Reihe der als gleichrangig aufgezählten Kennwerte der Agrarstruktur kommt. der Betriebsgröße eine gewisse Schlüsselstellung zu. Maßnahmen zur Verbesse- rung der Agrarstruktur müssen vorrangig darauf abzielen, die Betriebsgrößenverteilung zu verändern. Erst dann können andere Maßnahmen wirksam werden. Es wird dabei nicht an Großbetriebe gedacht, sondern an bäuerliche Familienbetriebe, die ihr Einkommen weitgehend mit familieneigenen Arbeitskräften erwirtschaften. Es waren also Maßnahmen zur Förderung der Entwicklung solcher Betriebe notwendig. Dazu mußte die Ausstattung mit ausreichend Grund und Boden in möglichst günstiger, am besten arrondierter Lage zur Hofstelle angestrebt werden, also Flurneuordnung, Landaufstockung, Neubau und Erweiterung von Be
triebsgebäuden, Errichtung neuer Höfe außerhalb des Ortsbereiches. Durch diese Maßnahmen konnten die Grundlagen für eine Reihe-weiterer positiver Entwicklungen in Richtung der agrarpolitischen Zielsetzung geschaffen werden. Jeder Landwirt kann sie für seinen Betrieb aus betriebswirtschaftlicher Sicht als Wunschliste für die Entwicklung seines Betriebes formulieren, nämlich: sicherere Produktionsgrundlage durch mehr Grund und Böden, wirtschaftlicherer Einsatz von technischen Hilfsmitteln in der Außen- und Innenwirtschaft, verbesserte Arbeitsbedingungen, verbesserte Arbeitsproduktivität, Senkung der Produktionskosten, Ausbau wirtschaftlicher Produktionseinheiten in der Viehhaltung, Verbesserung der Lebensgrundlage und der Lebensqualität.
Das politische Instrument für die Verwirklichung dieser Ziele war das Landwirtschaftsgesetz mit dem Grünen Plan. Unter dem Stichwort »Verbesserung der Agrarstruktur«, wurden jährlich erhebliche Mittel zur Durchführung solcher Maßnahmen bereit gestellt, die geeignet waren, in der herrschenden Agrarstruktur die erwünschten Veränderungen .in Gang zu bringen und zu beschleunigen. Dies waren insbesondere die Flurbereinigung, die Landaufstockung, die Aussiedlung von Gehöften aus zu engen Ortslagen.
Wie diese Maßnahmen auch in unserer engeren Heimat zur Auswirkung kamen, machen wir uns am besten an einigen Beispielen klar. Das , »klassische« Flurbereinigungsverfahren bietet für die Neuordnung der Fluranlage die besten Möglichkeiten. Hier kommt es zu einer vollkommenen Neuvermessung, Erschließung und Neuverteilung der Flurstücke bis zur Ausweisung arrondierter Gemarkungsteile für die Errichtung neuer Höfe.
Eine der ersten Flurbereinigungen im Kreis Pirmasens wurde in Winzeln durchgeführt, ein damals noch als bäuerlich geprägt anzusprechendes Dorf vor den Toren der Schuhstadt Pirmasens, das durch seinen aktiven Reit- und Fahrverein über die Grenzen des Kreisgebietes hinaus bekannt war. In der Schulstraße, heute Oskar-Metz-Straße, stand der Hof des Landwirts Jakob Hunsicker. Etwa 13 ha Land hatte er .zu bewirtschaften; er hielt um 25 Stück Rindvieh sowie 3 oder 4 Pferde und hatte auch die damals üblichen Maschinen, wie Mähmaschine, Mähbinder, Gespanngerät für Bodenbearbeitung, Saat- und Pflegearbeiten. Ganze 700 qm standen für Wohnhaus, Stall, Scheune und Hofraum zur Verfügung. Ernte und Futterwagen mußten von der Straße her vor- oder rückwärts einrangiert werden. Aus dieser großen Enge wollte sich der Bauer befreien. Es gehörte damals schon viel Mut dazu, zu sagen: »Ich möchte meine Hofstelle verlegen, um meine Wirtschafts- und Einkommensgrundlagen zu verbessern«, denn eine behördliche Anordnung dazu gab und gibt es nicht. Die Flurbereinigungsbehörde wies ihm ein Stück Land in der Gewanne Molkenbrunnen zu. Es war damals etwas ganz besonderes, einen neuen Hof bauen zu wollen. Jedenfalls erschienen mehrmals Berichte mit Aufnahmen in der Lokalpresse, die das Ereignis bekannt machten und würdigten. Der.»Fortschritt« stellte sich ein, es wurden ein Tieflaufstall errichtet, verbesserte Haltungsbedingungen für das Vieh, Weidegang, verbesserte Arbeitsbedingungen und, ebenso wichtig, verbesserte Lebensbedingungen -für die Familie im neuen Wohnhaus geschaffen. Doch was anfänglich als gut erschien, zeigte sich bald als nicht mehr passend. Der Betrieb wuchs. Es wurde umgebaut, erweitert. Der Sohn hatte inzwischen geheiratet, er übernahm den Betrieb, es wurde weiter vergrößert, schließlich ein neues Stallgebäude errichtet, in dem heute 35 Milchkühe stehen. Diese Entwicklung lief über 20 Jahre. 1957 wurde der Bau begonnen, 1971 war die letzte Baumaßnahme beendet. Den alten Hof in der Schulstraße hat ein Viehtransportunternehmer gekauft.
Der »Molkenbrunnerhof«, nach dem Flurnamen des neuen Standortes benannt, ist hier als Beispiel aufgeführt, weil, einerseits die Möglichkeit einer voll-oder zumindest teilarrondierten Zuteilung in der Flurbereinigung bestand, andererseits aber auch als Beispiel dafür, daß eine Aussiedlung von Anfang an kein Endzustand, sondern Ausgangsstadium für eine dynamische Weiterentwicklung eines Betriebes sein kann. Es hat sich in der Zwischenzeit gezeigt, daß keine der Siedlungen in ihrem Anfangsstadium geblieben ist. Sie haben sich alle verändert, bedingt durch die Struktur in ihrem Umfeld einerseits und die dynamische Anpassungsfähigkeit des Betriebsleiters und der familiären Situation andererseits. Wo diese Umstände zusammentreffen, wäre einer der seltenen Idealfälle erreicht.
Eine »Flurbereinigung« dauert oft 10 Jahre, viel zu lange, um auf diesem Wege große Umwälzungen in der Agrarstruktur in Gang zu setzen. Um schneller zum Ziel zu gelangen, schuf man auch die Möglichkeit eines beschleunigten »Zusammenlegungsverfahrens«. Bei diesem wird auf eine Neuvermessung und vollkommene Umgestaltung des Wegenetzes verzichtet. Die vorhandenen Grundstücksgrenzen bleiben erhalten. Die Grundstücke werden lediglich sinnvoll zu größeren Einheiten zusammengelegt und die vorhandenen Wege, soweit erforderlich, befestigt. Je nach Größe des Gebietes werden für die Zusammenlegung nur etwa 2 bis 3 Jahre benötigt.
Eine solche Zusammenlegung wurde z. B. in Thaleischweiler durchgeführt. Diese alte Siedlung im Schwarzbachtal war bereits von der wachsenden Schuhindustrie und durch ihre Verkehrslage von Handel und Gewerbe geprägt. Die wenigen Landwirte fielen ohnehin nicht sehr ins Gewicht, sie waren aber auch nicht zu übersehen. Für sie war der Hofstandort im Tal bereits eine innerbetriebliche Belastung, abgesehen von den sonstigen Bedingungen. Zwei von ihnen schlugen den Weg nach vorn ein und strebten den Neubau ihrer Höfe an. Für beide war die Ausgangssituation ungefähr gleich. Wenig Eigentumsland, schlechte Gebäude, fehlender Platz für mehr Vieh, ungenügende Wohnverhältnisse. Die Hanglage des Hofes an der Durchgangsstraße bildete immer ein Hindernis für den allgemeinen, wie auch den eigenen Verkehr der Landwirte. Was sollte man tun? Diesen Zustand belassen und langsam verkümmern oderrvorwärts schreiten? Einer der Höfe gehörte Josef Bauer, einem der ehemals kleinen »Kuhbauern« in Thaleischweiler, der inzwischen aber schon zu den »Gaulsbauern« aufgestiegen war. Man fuhr schon mit zwei Pferden. Der Hof, durch Erbteilung auf 6 ha geschrumpft, bis nach dem Kriege durch Rückkauf von Geschwistern auf 12 ha vergrößert, bot nicht mehr als ein kärgliches Einkommen für die Familie. In der aufstrebenden Gemeinde wurde zunehmend Land zum Verkauf angeboten. Die Siedlungsgesellschaft kaufte es auf, ein Teil davon wurde an Bauern verkauft. Das war schon vor der Zusammenlegung, aber bereits ein entscheidender Schritt in die Zukunft. Aber die Hofstelle? Eingeengt, unmittelbar an verkehrsreicher Straße ineinander verschachtelte Gebäude, keine Umbau- oder Erweiterungsmöglichkeiten, dazu im Aufschwung der 60er Jahre eingekreist, mitten im Wohtigebiet bereits ein »Unbeliebter«, der einen Misthaufen im Hof hatte, den die Nachbarn nicht mehr riechen mochten. Sollte der verschwinden, am Ende doch eine Einbahnstraße, eine Sackgasse? Der Betrieb war inzwischen dem ältesten Sohn Alois übergeben worden,_ der dynamisch genug war, um den Gedanken einer Aussiedlung zielstrebig voranzutreiben. Obwohl 1955 versucht worden war, durch Umbau eine Verbesserung zu erreichen, war auf dem alten Hof kein Blumenstrauß mehr zu gewinnen. In Verbindung mit der Zusammenlegung bestanden günstige Aussichten, die auch genutzt wurden. Rechtzeitig eingeleitet konnte so, ähnlich wie im klassischen Verfahren, eine fast vollständig arrondierte Landzuteilung in der Nähe des gewählten Standortes erreicht werden. Vor der Zusammenlegung waren 174 Parzellen zu bewirtschaften, danach noch drei. 1965 wurde gebaut. Ein modernes Wohnhaus, ein modernes Wirtschaftsgebäude mit Stall für Rindvieh und Mastschweine, Bergeraum für Vorräte; eine Gerätehalle kam später dazu. Erfolg: Die Hofstelle in der Friedhofstraße 1, die vor ihrer Erbauung im Jahre 1882 noch vor dem Dorfe lag, wurde verkauft, der Dorfkern damit entlastet, ein entwicklungsfähiger, moderner, hochmechanisierbarer landwirtschaftlicher Betrieb geschaffen, Arbeits- und Lebensverhältnisse verbessert, die Landbewirtschaftung auf eine solide Grundlage gestellt, die Aufnahme von brachfallendem Land erleichtert. Der Betrieb hat sich durch Zupacht weiter vergrößert. Der Hof wurde in der Nähe des Schlangenbrunnens, oberhalb der Straße nach Höheinöd, errichtet und nach dem Flurnamen der Gewanne »Lenspacherhof« benannt.
Wo ein Verfahren zur Neuordnung der Feldflur (Flurbereinigung, Zusammenlegung, freiwilliger Landtausch) nicht möglich war, wurde der Bau einer Aussiedlung auch außerhalb dieser behördlichen Verfahren gefördert. Es konnte somit gewissermaßen der zweite vor dem ersten Schritt gewagt werden. Man bemühte sich dabei, den Hofstandort so zu wählen, daß in einem späteren Umlegungsverfahren, wenn keine Voll-, so doch eine Teilarrondierung, zumindest aber eine Zusammenfassung der Grundstücke in wenigen großen Blöcken in Hofnähe erwartet werden konnte. Der Landwirt mußte ein genügend großes Grundstück in geeigneter Lage dazu bereitstellen. Die Flurbereinigungsbehörde hatte darüber zu entscheiden, inwieweit dort später der Wunsch nach einer strukturverbessernden Landzulage erfüllt werden konnte. Nicht immer war alles so vorauszusehen und so zu beeinflussen, daß eine optimale Lösung geschaffen werden konnte. Einzelne Siedlungen warten bis heute auf den Tag, an dem ihre 100 oder mehr Parzellen zu wenigen großen Schlägen zusammengefaßt werden.
An folgendem Beispiel wird deutlich, welche Entwicklung eine nach diesen Gesichtspunkten errichtete Siedlung nehmen kann. Man könnte fast beginnen wie im Märchen, »es war einmal«, aber es ist kein Märchen, sondern greifbare Gegenwart. Begeben wir uns also nach Busenberg im Wasgau, am Fuße des Drachenfels. Durch den Ort führt die Bundesstraße 427. In der Hauptstraße Nr. 54 wohnte ehedem der Landwirt, Holzabfuhr- und landwirtschaftlicher Lohnunternehmer Ernst Müller mit seiner Familie. Sein Anwesen bestand aus einem Wohnhaus (Baujahr 1719, sehr schlechter Zustand), Scheune und Stall für 6 Kühe, einige Rinder, 10 bis 12 Schweine und aus einem Geräteschuppen aus jüngerer Zeit. Für das zu bewirtschaftende Land, mit Zupacht etwa um 8 oder 9 ha, war das gerade noch ausreichend, jedoch nicht für einen landwirtschaftlichen Vollerwerbsbetrieb. Holzabfuhr und landwirtschaftliche Lohnarbeiten waren notwendige Einkommensergänzungen, ohne die der Lebensunterhalt nicht bestritten werden konnte. Müller war ein der Scholle verbundener Landwirt. Seinen Sohn Paul schickte er zur besseren beruflichen Ausbildung in die Landwirtschaftsschule nach Pirmasens. Wesentlich war für diesen aber auch der Kontakt mit den jungen Landwirten aus dem Kreisgebiet, bis nach Zweibrücken hin. Mit ihnen konnte er Ackerbau-und Viehhaltungsmethoden vergleichen. Mehr Land und mehr Vieh waren erforderlich, wenn daraus die Betriebsausgaben, Rücklagen und der Unterhalt zweier Familien bestritten werden sollten. Schon Pauls Urgroßvater hatte die Absicht, einen Einzelhof in der Gemarkung zu errichten. Sehr wichtig waren aber auch die, durch den Schulbesuch aufgebauten Kontakte zur Pirmasenser Beratungsstelle, die ihm halfen, seinen Berufswunsch »Landwirt« zu verwirklichen. Deshalb wurde die Möglichkeit einer Aussiedlg in Erwägung gezogen, als sich die Gelegenheit dazu eröffnete. In der Hauptstraße Nr. 54 wäre man wohl auf verlorenem Posten ohne Aussicht auf eine Entwicklung zum Vollerwerbslandwirt geblieben. Eine Aussiedlung war in Busenberg ein Wagnis, von dem auch Experten nicht sicher sagen konnten, ob es gut gehen würde. Wie sehr dies von der Qualität des Landwirts, seinem Wissen und Können, seinem festen Willen und der Opferbereitschaft der ganzen Familie abhängt, könnte ein Chronist an diesem Beispiel leicht veranschaulichen. Zu den schlechten Gebäuden kam auch eine durch Realteilung extrem zergliederte Flur. Die Standortwahl fiel auf ein Grundstück der Gewanne »Am weißen Stein«. Dort konnte erwartet werden, daß sich aus Flächen, deren Bewirtschaftung wegen anderer Einkommensquellen von den Besitzern aufgegeben wurden, nach und nach eine Landaufstockung ermöglichen ließ. Die Behörden waren mit der Standortwahl anfangs nicht' einverstanden. Es gab Bedenken wegen der geringen Wertigkeit der Böden, die aber überwunden werden konnten. Es gab auch Bedenken von Seiten der Naturschutzbehörde, die keine Zersiedlung der herrlichen Wasgaulandschaft um den Drachenfels haben wollte. 1960/61 konnte der Hof, um dessen Entstehung hart gekämpft worden war, gebaut werden, bestehend aus Wohnhaus und Wirtschaftsgebäude mit Ställen für Rindvieh und Schweine, wie man sie damals für modern und zweckmäßig ansah. 6 ha Land gehörten der Familie Müller, dazu kamen noch 8 bis 9 ha Pachtland. Das war die Basis. Und mit dem Hofbau begann Schritt für Schritt der weitere Ausbau der Existenz. Heute sind es 20 ha Eigentum und fast 40 ha Pachtland, demnach also etwa die vierfache Fläche von 1960, aber insgesamt 10 Parzellen weniger als damals. Man spürt den Schweiß, der für die Rodung und Rekultivierung verwilderter Grundstücke aus eigenem Antrieb bis zum heutigen Tag fließen mußte. Gäbe es denTitel eines »Landwirtschaftspflegers im Wasgau« dann hätte ihn Paul Müller vom Weißensteinerhof verdient. Wäre diese Landschaftserhaltung auch ohne diese Aussiedlung erfolgt? (Siehe auch: Friedrich Not, Das Brachlandproblem im Wasgau, Heimatkal. 1979, S. 129 ff.) Nicht nur an Fläche hat der Betrieb zugenommen. Auch Viehhaltung und Wirtschaftsgebäude wurden vergrößert und ergänzt. Heute steht der Betrieb auf sicheren Beinen. Obwohl man das Ziel dieser Aussiedlung als erreicht betrachten kann, zeigt sich im Grunde doch, daß zur Vollendung des Ganzen noch Maßnahmen zur Neuordnung der Feldflur hinzukommen müssen. Mancherorts konnten diese schon nachvollzogen, hier und in etlichen weiteren Fällen aber bislang leider noch nicht durchgesetzt werden.
Drei Aussiedlungen, drei Beispiele, stellvertretend für alle anderen. Alles hat sich in ähnlicher Weise vollzogen unter sehr ähnlichen Bedingungen. Hat der Erfolg den Aufwand gelohnt? Für die betroffenen Landwirte wohl sicher, für die agrarstrukturelle Entwicklung insgesamt wohl auch, doch die Aussiedlung als begleitendes Instrument der Flurneuordnungsmaßnahmen hätte noch viel umfassender eingesetzt werden müssen. Die Entwicklung ist zwar nicht abgeschlossen, aber unter heutigen Bedingungen ist die Aussiedlung aus Kostengründen in unserem Raum fast undurchführbar geworden, — schade! Über die »Neusiedlung«, das sind Höfe, die für heimatvertriebene Landwirte errichtet wurden, soll in der nächsten Ausgabe dieses Kalenders berichtet werden.





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