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Mein liebster Lehrer und seine "Erinnerungen eines Davongekommenen"

Heimatkalender für das Pirmasenser und Zweibrücker Land 2012 - von Karlfriedrich Klotz

 

 

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Sage und schreibe ein halbes Jahrhundert ist es nunmehr her, als ich dem außergewöhnlichen Menschen Ernst Hunsicker erstmals begegnete. Es war in der Pirmasenser Berufsschule, damals im Gebäude der Schuhfachschule nahe dem städtischen Schwimmbad (heute PLUB) in der Lemberger Straße beheimatet. Ich war 14 und befand mich seit 1. April 1961 in der dreijährigen Ausbildung zum Verwaltungsangestellten bei der Steuer- und Gemeindeeinnehmerei Rodalben. Ernst Hunsicker war 36 und mein Klassenlehrer. Er unterrichtete unsere Klasse, die sich aus Verwaltungslehrlingen und Lehrlingen bei Rechtsanwälten zusammensetzte, einmal wöchentlich in den Fächern Deutsch, Schriftverkehr, Fachrechnen und Politische Gemeinschaftskunde. Und das tat er mit exzellentem Fachwissen, mit viel Hingabe und Akribie. Als Beispiel dafür ist mir in besonderer Erinnerung geblieben, wie er das eigentlich „trockene” Thema des Wechselrechts (der Wechsel ist ein schriftliches Zahlungsverspreehen) anpackte. Vom Sichtwechsel und Nachsichtwechsel war da die Rede, vom Tagwechsel und gezogenen Wechsel, vom Wechselnehmer, vom Bezogenen und schließlich noch vom Indossament — eine wahre Flut von Fachbegriffen prasselte auf uns hernieder. Ernst Hunsicker vermittelte anschaulich, was sich in der Praxis hinter jedem Terminus verbarg. Und zum Schluss hatte er noch einen Merksatz parat, mit dem er vor den generellen Risiken des Wechselgeschäfts warnte: „Schreibe hin, schreibe her, aber schreibe niemals quer". Zum Verständnis dieses gereimten Spruchs sollte man wissen, dass der Wechselschuldner auf der linken Seite des Wechselformulars seine verpflichtende Unterschrift quer hinsetzen muss.
Als gutem Pädagogen fiel es Ernst Hunsicker nicht schwer, selbst schwierigste Sachverhalte einfach und verständlich rüberzubringen. Auch wenn seine Art bisweilen etwas „schnoddrig" wirkte, so verströmte sie doch immer Herzlichkeit und menschliche Wärme. Das kam an bei uns Schülern, wir mochten diesen Mann und wir spürten, dass auch er uns mochte. Ich fühlte mich ihm besonders freundschaftlich verbunden, vielleicht auch deshalb, weil er in Thaleischweiler wohnte, meinem Geburtsort.
„Herrschaften, heute wollen wir es mit der Arbeit mal halblang machen und etwas Unterhaltung einflechten." So begrüßte uns der Lehrer Ernst Hunsicker an einem letzten Berufsschultag vor den großen Ferien. Sein Angebot: Quiz, Vorlesen aus einem Buch oder „ich erzähle euch was von meinen Kriegserlebnissen". Letztere Alternative machte er uns schmackhaft mit dem Zusatz: „Es wird bestimmt nicht langweilig." Spätestens da wussten wir, wie wir abzustimmen hatten — und brauchten es nicht zu bereuen.
Einleitend nahm uns Ernst Hunsicker gedanklich mit in die „Ludwigslust", einem großen Bauernhaus, damals außerhalb Contwigs gelegen. Dort war er am 16. August 1924 geboren worden, dorthin zog es ihn nach dem frühen, durch den Beruf des Vaters bedingten Umzug nach Thaleischweiler, während seiner Kinder- und Jugendzeit immer wieder zurück. Viele schulfreie Nachmittage und einen Großteil der Ferien verbrachte er in der „Luscht", wie das geräumige Haus auch genannt wurde. Da traf der kleine Ernst jede Menge liebe Verwandte mehrerer Generationen, die unter einem Dach zusammen lebten, da hatte er viele Freunde, mit denen er in der nahen Natur abenteuerliche Ausflüge unternahm.
Konnten wir Jugendlichen uns unter einem Bauernhaus bei Contwig durchaus etwas Konkretes vorstellen, so war uns die Welt, in die uns Ernst Hunsicker anschließend entführte, total fremd. Es war die Welt des Krieges, wo Vernunft und Menschlichkeit zu schweigen, wo die Waffen das Sagen hatten. Fern der Heimat in Russland und immer ganz nahe dem Tod.
„Zur Fahne gerufen" wurde Ernst Hunsicker am 20. August 1942, vier Tage nach seinem 18. Geburtstag. Weg von der Schulbank der Oberrealschule Pirmasens, hinein in eine kurze Ausbildung und schon drei Monate später ab an die russische Front. Erster Kriegseinsatz im November 1942 im „Donbogen", weitere Einsätze an der Leningrad-Frönt und im Nordabschnitt der Ostfront. Der blutjunge Soldat Ernst Hunsicker sah viele Menschen sterben, Freunde wie Feinde. Er selbst kam relativ glimpflich davon. Einmal erwischten ihn Granatsplitter an der Hand, eine Blutvergiftung und Lähmungserscheinungen im Arm waren die Folge. Der zweite Lazarett-Aufenthalt wurde erforderlich, als seine Füße nach Märschen bei Nässe und eisiger Kälte so stark mitgenommen waren, dass ihm die kno
chenharten Stiefel vom entzündeten Fleisch geschnitten werden mussten. Wunden und Infektionen wurden geheilt, die seelischen Verletzungen aber blieben unversorgt. Zeitsprung: Mai 1945, Kriegsende. Ernst Hunsicker war jetzt „Woinaplennie", wie die Russen ihre Kriegsgefangenen nannten. In unvorstellbar lang sich hinziehenden viereinhalb Jahren (1.640 Tage) durchlief er mehrere Gefangenenlager. Jetzt wurde zwar nicht mehr geschossen, aber das Elend dauerte fort. Grausamkeiten, Schikanierereien, Demütigungen und Hilflosigkeit gehörten zum Alltag. Das größte Leiden aber sei der Hunger gewesen, dieser immerwährende verdammte Hunger, erinnerte sich Ernst Hunsicker. Und während er das erzählte, wurden auch wir Schüler irgendwie zu „Gefangenen", gefangen von der Eindringlichkeit seiner Schilderung menschlicher Abgründe. Einigen von uns trieb es die Tränen in die Augen, nachdenkliche Mienen rundum.
Inmitten dunkelster Hoffnungslosigkeit gab es aber auch Lichtblicke in der Gefangenschaft. Ein solcher erschien Ernst Hunsicker in Gestalt einer älteren russischen Frau namens Sina, die er bei einem Arbeitseinsatz in der städtischen Bibliothek von Charkov traf und die ihn über Monate hinweg täglich mit etwas Brot versorgte, obwohl sie selbst nur wenig hatte. Und als er später den Ort seines Arbeitseinsatzes wechseln musste, machte sie ihn ausfindig, brachte zweimal in der Woche zum Brot auch noch Milch. Ein barmherziger „Engel" aus den Reihen der stolzen Siegermacht hatte den Weg in die „Hölle" der gedemütigten Verlierer gefunden. Dieser Frau verdanke er vielleicht sogar sein Leben, meinte Ernst Hunsicker, der seine eindrucksvolle Erzählung mit der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft am 6. November 1949 abrundete. Diesen denkwürdigen Tag nannte er seinen „zweiten Geburtstag".


Wieder in der Heimat


Nach fast sieben leidvollen Jahren in der Fremde endlich wieder zu Hause angekommen, holte der nunmehr 25-jährige Ernst Hunsicker an der Oberrealschule Pirmasens das Abitur nach. Anschließend nahm er zunächst das Studium der Volkswirtschaft an der JohannesGutenberg-Universität in Mainz auf, brach es aber nach dem zweiten Semester ab. Er fühlte sich mehr zu der Fachrichtung Pädagogik hingezogen und wechselte dafür auch den Studienort. An der Wirtschaftshochschule Mannheim legte er schließlich das DiplomHandelslehrer-Examen ab und startete am 1. September 1953 als Referendar an der Berufs- und Handelsschule Pirmasens seine Lehrer-Laufbahn, die mit dem Titel eines Studiendirektors in der Position des stellvertretenden Schulleiters 1985 zu Ende ging.
Etliche Jahre waren ins Land gezogen seit der Berufsschulzeit. Vieles hatte sich auch bei mir verändert, unter anderem der Wohnort: Nach meiner Heirat 1970 war ich von Rodalben nach Thaleischweiler umgezogen, meinem Geburtsort. Es mag wohl Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre gewesen sein, als ich eines Freitagabends zum Dämmerschoppen das Gasthaus Mang aufsuchte. Dort hielt der Gesangverein 1882, in dem mein einstiger Lieblingslehrer zeitweise 1. Vorsitzender und 2. Dirigent war, seine wöchentlichen Singstunden ab. Nach der „Pflicht" kamen viele Sänger zur abendlichen „Kür" vom Saal im Obergeschoss runter in die Gaststube, um ihre trockenen Kehlen mit einem kühlen Tropfen anzufeuchten. Ich gesellte mich manchmal zu ihnen, denn was Interessantes gab's immer zu erzählen. Zufällig kam ich an besagtem Freitagabend am Stammtisch neben Ernst Hunsicker zu sitzen. Natürlich lebten da auch die alten Schulzeiten wieder auf. Ich erzählte meinem Tischnachbarn, wie sehr uns Schüler damals seine Kriegserzählungen beeindruckt hatten und stellte schließlich die Frage, ob er das denn nicht mal niederschreiben wolle. Er war sichtlich überrascht: „Was? Meinst du das auch? Ich habe schon sehr oft darüber nachgedacht." Es kamen andere Themen auf die Tagesordnung und zu später Stunde ging man schließlich auseinander.

Es vergingen wieder einige Jahre, als mir eines schönen Tages meine Frau ausrichtete: „Deine Tante Toni hat angerufen, du sollst dir beim Ernst dein Buch abholen." Ich kam ins Grübeln: „Welcher Ernst? Welches Buch?" Rückruf bei der Tante: „Es war der Ernst Hunsicker und er hat von einem Buch gesprochen." Mehr wusste sie auch nicht.
Das Rätselraten ging weiter: „Hatte ich irgendwann meinem ehemaligen Lehrer ein Buch geliehen? Aber daran würde ich mich doch erinnern." Weiteres Nachdenken und dann der Geistesblitz: „Hatte er es vielleicht wahr gemacht und seine Erinnerungen niedergeschrieben?" Ein Besuch bei Ernst Hunsicker in der Talstraße brachte des Rätsels Lösung. Da lag das Buch mit dem Titel „Erinnerungen eines Davongekommenen", rund 100 Seiten stark, mit Bildern und geografischen Skizzen.
Ein Exemplar samt Widmung des Autors („Freundlichst zugedacht, Ernst Hunsicker, August 1991") konnte ich gleich mitnehmen und las es an zwei Abenden. Im Kern war es die gleiche eindrucksvolle Geschichte, die ich rund 30 Jahre zuvor als Berufsschüler am letzten Tag vor den Sommerferien gehört hatte, nur noch ausführlicher und bebildert. Zusätzlich erfuhr der Leser weitere interessante Details aus dem Leben Ernst Hunsickers, darunter seine Qualitäten und Erfolge als jugendlicher Fußballer und Leichtathlet, um nur ein Beispiel zu nennen.
In der Folgezeit suchte ich meinen früheren Lehrer noch mehrmals auf, um weitere Bücher für ehemalige Mitschüler aus dem Kollegenkreis abzuholen. Bei einem Besuch musste ich allerdings unverrichteter Dinge wieder abziehen, weil die erste Auflage bereits vergriffen war. Es folgten eine zweite und schließlich eine dritte, insgesamt rund 500 Exemplare fanden Leser. Die Bilanz: Das Unterfangen, gleichzeitig als Autor und Verleger zu fungieren, war ein voller Erfolg.
Im Alter von 77 Jahren verstarb am 13. Juni 2002 mein „liebster Lehrer" nach schwerer Krankheit. Viele Menschen trauerten fünf Tage später mit den Angehörigen (Ehefrau, zwei Töchter, zwei Söhne), als Ernst Hunsicker auf dem Friedhof in Thaleischweiler zu Grabe getragen wurde.
Auch neun Jahre danach denke ich noch gern und oft zurück an diesen außergewöhnlichen Menschen. Immer wieder, wenn ich in seinem Buch mal blättere, wird mir so richtig bewusst, welche Lebensleistung er vollbracht hat. Aus den langen Schatten eines grausamen Vernichtungskrieges und nach zermürbender viereinhalbjähriger Gefangenschaft kehrte er völlig unvorbereitet heim in eine neue Republik, in eine Gesellschaft mit veränderten Zielen und Wertmaßstäben. Er hatte keinen Therapeuten zur Seite wie heute die traumatisiert zurück kommenden Veteranen aus dem Kosovo oder aus Afghanistan.
Wie Menschen am Krieg und seinen psychischen Folgen leiden und zerbrechen können, hat besonders eindringlich Erich Maria Remarque nach dem Ersten Weltkrieg in zahlreichen Romanen (unter anderen „Im Westen nichts Neues") beschrieben. Für den Bestseller-Autor von Weltruhm war das Veröffentlichen seiner schlimmen Erinnerungen wie eine Eigentherapie. Ernst Hunsicker hat sich nicht geäußert, was das Erzählen und später das Schreiben über seine Kriegserlebnisse ihm gebracht hat. Er tat es einfach, weil ihm danach war und deshalb war es wohl auch gut für ihn.
Als Ernst Hunsicker Ende 1949 die Schwelle zwischen Kriegschaos und heiler Welt überschritten hatte, strauchelte er jedenfalls nicht, sondern ging geradlinig und zielstrebig seinen Weg. Er machte Abitur und Examen, ergriff seinen Wunschberuf, gründete eine Familie und engagierte sich auch noch ehrenamtlich. Er hatte sich durchgebissen. In der Sportlersprache würde man ihn als „Steher" beschreiben, als einen, der sich auch dann noch behauptet, wenn's ganz schwer wird.
Kurzum: Ernst Hunsicker hat sein „zweites Leben” vorbildlich gemeistert. Dabei wäre sein „erstes Leben" um ein Haar schon früh zu Ende gewesen. Doch da griff glücklicherweise jener besagte Schutzengel ein, der Sina hieß und in Gestalt einer älteren russischen Frau seine hilfreiche Hand ausstreckte.

 

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